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Sonntag, 29. Januar 2012

Mein fensterloses Kellerloch

Gemütlich ist's in meinem fensterlosen Kellerloch. Die Wände ziert eine grüngelbe Blümchentapete, und in der einen Ecke steht ein gemütliches Sofa in Altrosa, auf dem man wunderbar die Zeit vertrödeln kann. An die Decke habe ich ein himmelblaues Tuch gehängt, das die Lampe, die ein sanftgelbes Licht abstrahlt, gekonnt umrahmt. In den Regalen an den Wänden stehen meine Bücher, Bücher von Astrid Lindgren, Michael Ende und Wolfgang und Heike Hohlbein. Davor sind kleine Tierfiguren aufgestellt, vor allem Hasen und Katzen. Ein großer Teddybär liegt gegenüber dem Sofa auf dem Boden. Dahinter sitzen meine Puppe Carmen, mein Stoffhund Peter und Alf. Wenn ich auf dem weichen Teppich vor dem Sofa sitze und von den „Brüdern Löwenherz“ aufblicke, das ich gerade zum siebten Mal lese, schaue ich auf die geschlossene Tür, auf der das Poster von „Memento“ befestigt ist. Ich weiß nicht, ob ihr den Film gesehen habt. Dahinter wirbeln die Handgranaten durch die Luft. 

Donnerstag, 22. Dezember 2011

Jahreshoroskop 2012


 Tier des Jahres  2012: Das Wickert-Manati


Widder:
Tante Tine kommt zu Besuch. Sie will Walnusstorte. Bereiten Sie sich vor.

Stier:
Hören Sie dieses Geräusch? Das ist der Freiherr von Flammkuch, der auf der Burgruine Neideck Cembalo spielt. Jetzt kann Umsicht nicht schaden.

Zwillinge:
Der Bruder des Schwagers ihrer Nachbarin setzt sich auf eine Reißzwecke. Das kann Ihnen herzlich egal sein.

Krebs:
Musicals bekommen Ihrer Verdauung schlecht, besuchen Sie lieber das Kartoffelmuseum in Brillit. Die Vibes sind günstig.

Löwe:
Ihr neuester Aufreißerspruch erweist sich als nutzlos wie eine Wurst mit Wimpern. Das Glück weht durch die Zweige.

Jungfrau:
Obacht beim Restaurantbesuch: Der Eckzahn des Kellners ragt in die Suppe. Bedenken Sie die Alternativen!

Waage:
Die blasierten Sklaven des Spleens rauchen Kaugummizigaretten. Zeit auch für Sie, dem Oblomowismus zu frönen.

Skorpion:
Ein lieber Verwandter trakassiert Sie mit Vorträgen über die Tanzmusikkonferenz in Lauchhammer 1959. Sie wandern aus und werden Kellner in Grenoble.

Schütze:
Knietief stecken Sie in der Scheiße. Wenn Sie jetzt einen Pürierstab zur Hand hätten … Stellen Sie sich das mal vor!

Steinbock:
Sie werden Spongebob-Fan und lassen sich eine Ananas auf die Stirn tätowieren. Viel Spaß dabei!

Wassermann:
Sie schließen sich den Ausflügen Ihres vulgivagen Werkschorleiters an und entdecken spannende Staudenbeete. Das Glück malt einen Knoten in den Himmel.

Fische:
Auf keinen Fall mit in den Zwitterzoo gehen! Man wird Sie mit einem Oktonengleichrichter bedrohen! Spähen Sie lieber durch Schlehen! Gott, Ihnen muss man ja alles sagen!


Tier des Jahres 2012: Das Wickert-Manati

Sonntag, 30. Oktober 2011

Mina

Ihr Stammhirn machte kurzzeitig eine Pause. Für diesen Zeitraum, vielleicht der Bruchteil einer Sekunde, der ihr wie der Übergang vom Trias über Jura zur Kreidezeit schien, kamen ihre wichtigsten Lebenserhaltungssysteme, darunter Atmung und Herzschlag, zum Erliegen. Sie stand einfach da, aufrecht und unbewegt wie das Empire State Building und konnte nur starren. Fast brach ihr der Angstschweiß aus, da sie sich sicher war, dass der Anblick ihrer aus den Höhlen wandernden Augen für die umstehenden Personen äußerst faszinierend sein musste.
Dann war es vorbei, so plötzlich wie es gekommen war. Alle Systeme meldeten reibungslosen Betrieb. Nachdem sie ihre optischen Wahrnehmungsapparate wieder einsortiert hatte, zwang sie ihren Blick noch einmal auf die Treppe, von der er gekommen war, doch er, der sie beinahe außer Gefecht gesetzt hatte, fast ihren Auftrag vereitelt hätte, war schon in der ausgelesenen Partygesellschaft verschwunden. Nicht weiter tragisch, sie würde ihn früher oder später wiederfinden, und dann würde sie es sein, die wie von einem Blitz auf die Erde geschleudert vor ihm auftauchen würde.
Vorsichtshalber rekapitulierte sie den Plan noch einmal. Es konnte nichts mehr schief gehen, er war schon jetzt so gut wie tot. Nelson, dachte sie, was für ein aufgeblasener Name. Doch sie konnte nicht verhindern, dass sich in ihre Verachtung eine Spur Unsicherheit mischte. Bisher hatte es sie geschafft, die Funktionsstörung geheimzuhalten. Aber was, wenn sie im letzten Augenblick entdeckt würde, etwa durch ein zu auffälliges Zögern? Oder wenn sie sogar funktionsunfähig würde im entscheidenden Moment? Wenn sie zurückgerufen würde, wären Monate mühevoller Planung umsonst gewesen. Und was würde dann mit ihr geschehen? Sie war im Prinzip für nichts anderes zu gebrauchen, und eine Reprogrammierung wäre aufwendiger als eine Neukonstruktion.
Doch vielleicht würde alles gutgehen. Wahrscheinlich war es sogar normal, dass Androiden unsicher waren vor ihrer Funktionserfüllung. Schließlich war dies das Ziel, auf das sie ausgerichtet wurden, der Sinn ihres Daseins. Es kam ein erhebender Moment auf sie zu, da hatte sie keinen Zweifel.
Urplötzlich, wie der Springteufel aus der Kiste, fing sie am ganzen Körper an zu zittern: Was kam danach? Was würde geschehen, wenn sie ihren Zweck erfüllt hätte?
Ihr schwindelte, und fast wäre sie gefallen, hätte sich nicht ein Arm stützend um ihre Taille gelegt.
„Mina, ist Ihnen nicht gut?“
Es war Nelson. Er führte sie zu einem Sofa und setzte sich mit ihr hin.
„Für einen Moment sahen Sie aus wie der Tod persönlich.“
Mina blickte zu ihm auf und sah ihm konzentriert in die dunklen Augen. Diese Augen waren es, die das Problem verursacht hatten. Sie sind also blau, dachte Mina befriedigt. Sie lächelte ihr präzise kalkuliertes Lächeln und merkte, dass wenigstens dieser Teil nach erwünschten Parametern funktionierte.
„Es geht mir schon viel besser.“
Sie schloss die Augen und starb.